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Die Pierre Schyven / Salomon van Bever-Orgel
in der Eglise Royale Notre-Dame de Laeken
von Peter Ewers

 Booklet-Text zu SOCD-199 Les planĂštes

Die schnurgerade Avenue de la Reine fĂŒhrt direkt auf die neogotische Eglise Notre Dame de Laeken zu, die als königliche Grabkirche und in Erinnerung an die frĂŒh verstorbene, im Volk sehr beliebte erste belgische Königin Louise Marie von Frankreich (1812-1850) nach den Ideen des Architekten Joseph Poelaert (1817-1879) seit 1854 errichtet und 1872 geweiht wird. 1908 nach anderen PlĂ€nen vollendet, werden seit der Weihe in ihrer Krypta alle belgischen Monarchen bestattet.

Der belgische Staat beauftragt 1870 die angesehene Werkstatt Merklin-SchĂŒtze mit dem Bau einer großen Orgel. Joseph Merklin und Friedrich SchĂŒtze spielen bei der Erneuerung des belgischen Orgelbaus eine bedeutende Rolle. Hierbei werden sie vom Direktor des BrĂŒsseler Konservatoriums, François-Joseph FĂ©tis unterstĂŒtzt. 1855 wird die Firma Ducroquet in Paris durch Merklin-SchĂŒtze ĂŒbernommen. Bis 1858 ist hier Charles-Spakman Barker Werkstattmeister. Seit 1843 in Diensten Merklins und ab 1851 dessen Werkstattleiter in  BrĂŒssel, ĂŒbernimmt der 1827 in BrĂŒssel geborene Pierre Schyven zusammen mit Armand und Jaques Verreyt die Werkstatt und fĂŒhrt sie unter dem Namen P. Schyven & Cie fort. SpĂ€te BrĂŒsseler Merklin-Instrumente und frĂŒhe Schyven-Instrumente unterscheiden sich nur wenig. CavaillĂ©-Coll soll Schyven (die BrĂŒsseler Linie) sehr geschĂ€tzt haben, im Gegensatz zur der von ihm gefĂŒrchteten Pariser Werkstatt. So kann man Schyven auch nicht als CavaillĂ©-Coll-Epigonen betrachten, vielmehr sah er sich den gleichen Prinzipien im Orgelbau verpflichtet. Von 1871 bis 1874 baut Schyven an der Orgel zu Laeken. Nach der Orgel der Kathedrale in Antwerpen wird sie sein grĂ¶ĂŸtes Werk. Sie erhĂ€lt 51 Register, 13 Tritte, 2 Barkerhebel fĂŒr Grand-Orgue und RĂ©cit (der Winddruck betrĂ€gt 170 mm WS!) und einen gigantischen neogotischen Prospekt. Das Einweihungskonzert im November 1874 bestreiten Alphonse Mailly und Alexandre Guilmant. Letzterer komponiert eigens fĂŒr diesen Anlaß die Orgel-Solo-Version seiner Symphonie I und widmet sie dem anwesenden belgischen König.

1888 nimmt Schyven anlĂ€ĂŸlich einer Reinigung mit anschließender Intonation Wartungsarbeiten an der Mechanik und den Windladen vor. Die Barkerhebel von RĂ©cit und Grand-Orgue werden durch prĂ€zisere ersetzt. Ein neuer Magazinbalg mit zwei KalkantenplĂ€tzen wird installiert und der Winddruck von 170 mm WS auf 120 mm WS gesenkt.

1905 zieht sich Pierre Schyven aus seiner Firma zurĂŒck, die seit dem letzten Jahrzehnt unter der Mitinhaberschaft seines Sohnes François (1856-1927) mehr und mehr zu einer industriellen Produktion von Instrumenten ĂŒbergegangen ist. François setzt das GeschĂ€ft bis zu seinem Tode fort, baut jedoch keine neuen Instrumente mehr.

1902 ĂŒbertrĂ€gt man die Pflege der Orgel Salomon van Bever (1851-1916). Mit seinem Bruder Adrian (1837-1895) arbeitete er bislang in der bekannten Orgelbauwerkstatt von Hippolyt Loret, ist diesem 1866, als Loret seine Werkstatt nach Paris verlegte, gefolgt und hat dort bis 1878 gearbeitet und auch bei Aristide CavaillĂ©-Coll seine Kenntnisse perfektioniert, dessen Konzeption seine gesamte weitere Karriere bestimmen sollte.1880 ĂŒbernehmen die GebrĂŒder van Bever die Werkstatt Loret und fĂŒhren sie in Laeken weiter. Van Bever nimmt einige VerĂ€nderungen an der Disposition vor: Clairon 4 tritt an die Stelle von Cor 16' im RĂ©cit. Die OphiclĂ©ĂŻde 16' des Positif tritt nun als 8' an die Stelle von Cor anglais 8' im Grand-Orgue. Neben Intonation und Reinigung werden sĂ€mtliche BĂ€lge und das RĂ©cit ĂŒberarbeitet. Montre 16' erhĂ€lt neue Condukte und das Positif einen Barkerhebel.

Als der noch nicht vollendete Bau des Kirchturms fortgesetzt wird, muß die Orgel 1906 abgetragen werden. Nach Fertigstellung des Turms 1908 beschließt man aus architektonischen GrĂŒnden die Rosette freizulassen, was eine Preisgabe des prĂ€chtigen Schyven-Prospektes bedeutet. Trotz dieses Verlustes wird die Orgel unter Beibehaltung der Windladen, des alten Spieltisches und des alten Pfeifenbestandes wieder installiert mit neuer Windlade fĂŒr das Positif, das jetzt schwellbar ist und zwei weitere Register erhĂ€lt: Musette 8' und Unda maris 8'. Auf dem Grand-Orgue weicht die Trompette cĂ©leste 8' einer Quinte 5 1/3'. Die Registertraktur von RĂ©cit und Positif erhalten pneumatische Hilfe, Grand-Orgue und PĂ©dale bleiben weiterhin mechanisch. Die grĂ¶ĂŸten Pfeifen des Sous-Basse 32' werden an die RĂŒckwand der Seitenschiffe in schmalen GehĂ€usen untergebracht, um nicht die Rosette des Hauptschiffs zu verdecken. Zur Wiedereinweihung am 10. Mai 1912 prĂ€sentiert sich das Instrument schon fast im heutigen Zustand. Nach dem Tode Salomon van Bevers 1916 ĂŒbernehmen seine Neffen, die GebrĂŒder Draps, die Werkstatt und Pflege des Instruments, gefolgt von Salomon Eyckmans (1889-1978). 1975-78 wird die Orgel von Patrick Collon, BrĂŒssel behutsam restauriert, im Grand-Orgue die Quinte 5 1/3' durch Doublette 2' ersetzt und strahlt seither in altem Glanz als Höhepunkt des belgisch-symphonischen Orgelbaus. 1994 ĂŒbernimmt Etienne de Munck, SaintNicklas die Pflege der Orgel, der sie auch fĂŒr diese Aufnahme gestimmt hat.

Die Orgel und ihre Organisten

- 1901 Edmond Lemmens

- 1904 Louis de Bondt

- 1916 Clément Doucet

- 1962 de Coster

seit 1962 Johan Moreau.

Die Orgel der Église Royale Notre-Dame de Laeken

von Peter Ewers (aus dem Booklet zur CD Die Planeten, Peter Ewers spielt Improvisationen)

verlag peter ewers - Prospekt der Schyven-Orgel in Notre-Dame de Laeken, BrĂŒssel
verlag peter ewers - Spieltisch der Schyven-Orgel in Notre-Dame de Laeken, BrĂŒssel
verlag peter ewers - Tritte der Schyven-Orgel in Notre-Dame de Laeken, BrĂŒssel

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